Sterben

Sterben

Was zählt wirklich, wenn wir sterben, am Ende unseres Leben? Es ist die gelebte Erfahrung, das gelebte Leben und das was wir daraus hinterlassen. Für unsere Nachkommen.

Wo befinden wir uns – wenn wir geboren werden, wenn wir sterben? – Im Optimum dort, wo man uns wertschätzt und liebt, so nackt wie wir sind. Nackt an Gestalt, an Gefühlen, an Emotionen. Wo man uns versteht, jenseits von Worten, jenseits allen Sagbaren. Dort, wo wir vertrauen haben, wo wir loslassen können.

Dort, wo wir Liebe trinken können.

Ich bin gestorben.

An Krankheit, unter Schmerzen am ganzen Körper und entschlafen an der Schwelle, raus aus der Schwere des Seins.

Ich bin gestorben.

Vor Angst, in tiefster Verzweiflung der Seele. Ich habe den Fährmann angefleht, mich abzuholen. Weil ich am Ende meiner Kräfte war. Doch er sagte – Mädchen, so einfach ist das nicht. Du hast noch zu tun.

Ich bin gestorben.

Weil ich mir selbst das Leben nahm. Im Glauben, den Qualen der Prüfungen des Lebens nun entfliehen zu können. Doch war dort ein Land ohne Gnade, im Nebeldunst der Verblendung, des Nicht-Sehen-Wollens. Eine Starre der Leere.

Ich bin gestorben.

Weil man mir das Recht, zu Leben, aberkannte. Was blieb ist eine offene Wunde, die nur durch Vergebung heilen kann.

Ich bin gestorben.

Im Krieg, verhaftet in der Dunkelheit. Habe Höllenqualen erlebt. Höllenqualen der Seele. Gespalten, verzweifelt und jenseits aller Hoffnung. Und ich habe auch Gnade erfahren. Die Gnade, wenn das Licht wieder erscheint, am Ende einer langen Reise durch die dunkle Nacht der Seele. Wenn der Zorn sich legt, die Tränen aus dem Herzen fließen.

Ich bin gestorben.

Im Kreise meiner Lieben. Alt und reich an Erfahrung eines gelebten Lebens. Denn es ist gut gewesen. Jede Träne, jeder Schmerz, jede Freude hat mich in der Seele wachsen lassen. Nun bin ich bereit zu gehen, ja eine Sehnsucht danach, Bilanz zu ziehen, empfangen zu werden um weiter zu gehen und mich nach neuen Aufgaben umzusehen.

Ich bin gestorben. Um leben zu können.

Denn die Seele ist müde von all dem Erlebten, vom Kampf für Ideale. Das Alte ist spröde und zerknittert. Es ist Zeit. Zeit zu verbrennen wie der Phönix. Denn alles muss von Zeit zu Zeit sterben, damit Neues entstehen kann. Dies geschieht nicht im Außen, dieser Prozess ist intim. Nackter als der Leib. Offen und durchlässig. Der Bedürfnisse wenige. Außer im Kreise der Liebsten zu verweilen, am Ort, wo der Leib und die Seele ein zu Hause gefunden haben. Heimat. Heimat ist dort, wo Liebe wohnt.

Und dem Bedürfnis, Frieden zu schließen, mit allem, was war.

Vergebung – sonst nur ein Wort, nun an Bedeutung groß.

Die Welt um mich herum ist besessen vom Wahnsinn der Zeit. Ich trete heraus. Schließe den Overflow der Medien, um die Stille der Ewigkeit zu erfahren. Trete heraus, aus der Flut der Bilder und Worte, die beständig darauf aus sind, unseren Frieden, das echte Leben zu zerstören, uns in den Wahnsinn zu treiben, uns vergessen zu lassen, was wirklich zählt, wer wir sind, wozu wir hier sind. Jeder Einzelne von uns.

Sterbe. Und gebäre Leben.


©Yvonne Eibenseele

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